Fluktuationen ODER Kitsch an der „Straße von Bonifacio“ – Reisebericht Sardinien Tag 5

granitfelsRuhig und ohne Hast genossen wir ein langes Frühstück in unserer Homebase auf dem Camping-Platz La Liccia. Doch ein Kribbeln setzte bald ein und war nur teils dem allseits beliebten, koffeinhaltigen Frühstücksgetränk geschuldet. Nach einer ersten Besichtigung, einem ersten Abtasten und Kennenlernen an den Tagen zuvor, wollte das Alpikuna-Kletterteam erstmals so richtig Hand anlegen – an den rauhen, von Mikrokristallen übersäten Granit der Cala Spinosa.

Schon früh am Vormittag schraubte die Sonne über dem Norden Sardiniens das Thermometer in derartige Höhen, dass an Klettern nicht zu denken war. Erst am späten Nachmittag brachen wir also zur Cala Spinosa („dornige Bucht“) auf. Alleine schon der Zustieg, der nicht mehr als wenige Minuten in Anspruch nimmt, lässt alle (Kletter-) Herzen höher schlagen. Direkt am Ende einer kleinen Bucht führen von der Natur geformte Granitsteintreppen über ein kleines Plateau hin zur nächsten Bucht, in der der Klettergarten eingerichtet wurde. Am späten Nachmittag, bei langsam untergehender Sonne gingen wir entlang bizarr geformter Granitblöcke und murmelten mit offenen Mündern vor uns hin, dass wir so etwas noch nie zuvor gesehen hatten. Die Südspitze Korsikas schien zum Greifen nahe, dann glitt wieder ein Schiff mit weißen Segeln durch die tiefblaue „Straße von Bonifacio“ (die Meerenge zwischen Korsika und Sardinien) – es war schlicht und ergreifend kitschig.

Auch die Kletterei hat etwas ganz Besonderes, etwas Surreales. Wind und Wetter haben den Granit in einer ganz eigenen Art geformt. Uns fehlte jegliche Erfahrung in einem derartigen Fels, entsprechend vorsichtig waren unsere ersten Versuche. Die verrosteten Bohrhaken, die bereits eine braune Spur auf dem Fels hinterlassen hatten, steigerten unser Vertrauen auch nicht wirklich. Der sardischen Kletterbibel, dem 600 Seiten starken Standardwerk von Maurizio Oviglia „Pietra di Luna“ (2011), konnten wir außerdem entnehmen, dass irgendein Kletterer in einem Anflug von Wahnsinn, Bohrhaken mutwillig aus vielen Routen gefräst hatte…alles in allem waren wir also eher ein wenig skeptisch.

Nach wenigen Metern schlug bei allen die Skepsis in Euphorie um. Die supergriffigen Routen an klar definierten Linien, die atemberaubende Umgebung und die immer erträglicher werdenden Temperaturen konnten für unsere ersten Gehversuche im Fels nicht besser sein. „Fluttuazioni“ (6a+) hieß eine Linie, die uns besonders gefiel. Von unten betrachtet war nicht auf Anhieb klar, wie diese eigenartig rund geformten Felsbäuche zu überwinden wären. Alle fünf Teilnehmer des Alpikuna-Kletterteams standen aber schließlich ganz oben und strahlten übers ganze Gesicht. Besonders Klaus sorgte mit einer ihm eigenen Eleganz für großes Staunen – die traumhaften Bedingungen schienen in besonders beflügelt oder sonstige, bislang unbekannte „Fluktuationen“ in ihm ausgelöst zu haben.

So kletterten wir bis der Sonnenuntergang die Felsen in ein sanftes, rotes Licht tauchte und wir uns hinsetzen mussten, um dieses Spektakel zu beobachteten. Außer uns war niemand in der Bucht…Sardinien zeigte sich von seiner schönsten Seite.

Mehr Bilder unter www.alpikuna.at/fotogalerie-reisebericht-sardinien.html

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